Liège-Guillemins in Lüttich – ein Bahnhof zum Bestaunen

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Bahnhof Liège-Guillemins in Lüttich | ©: Bild von Herbert Aust auf Pixabay

Bahnhöfe genauso wie Flughäfen besitzen fast immer eine Atmosphäre der Ungeduld und des Wartens. Je nach Alter, Architektur und Infrastruktur ist der zeitweilige und in der Regel erzwungene Aufenthalt darin entweder sehr langweilig, sehr unangenehm oder bestenfalls ein bisschen unterhaltsam. Wer jedoch im Hauptbahnhof von Lüttich ankommt oder abreist, der kann sich davon überzeugen, dass Zweckarchitektur etwas durchaus aufregendes sein kann.

Zehn Gleise führen in den Durchgangs-Bahnhof Liège-Guillemins hinein und auch wieder hinaus. Aus der Vogelperspektive wirkt der hypermoderne Bau inmitten der erwürdigen Stadt Lüttich doch etwas befremdlich. Er erinnert ein bisschen an den Prozessor eines Computers der neuesten Generation, der versehentlich und mit etwas Gewalt auf der Platine eines vierzig Jahre alten C64 verbaut wurde. Vom Boden aus jedoch beeindruckt dieser Bahnhof einfach durch seine Formen, seine Gestaltungsvielfalt, die Helligkeit, die Kontraste von Licht und Schatten, das mitunter Monumentale und eine zeitlose Modernität. Die Regisseure der Men in Black Filme hätten sich hier Inspirationen holen können, doch der Bahnhof wurde erst im Jahr 2009 eröffnet. Gut möglich, das es umgekehrt ist.

Santiago Calatrava – Superstar der Architektur

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Bahnhof Liège-Guillemins in Lüttich | ©: Bild von Maria3ss auf Pixabay

Entworfen und errichtet wurde Liège-Guillemins von dem spanischen Architekten Santiago Calatrava. Der im Jahr 1951 in Valencia geborene Calatrava absolvierte zunächst ein Architekturstudium in seiner Geburtsstadt und schloss dem gleich auch noch ein Studium des Bauingenieurswesens in Zürich an.

Nicht lange nach dem Abschluss des Studiums war der Züricher Bahnhof Stadelhofen (1990) eines seiner ersten Projekte, dem folgte ein Bahnhof in Lyon (1994), der Neubau des Bahnhofs Lüttich (2009) und der Bau der U-Bahnstation PATH unter dem neuen World Trade Center in New York (2016). Zwischendrin waren und sind Brücken die Lieblingsobjekte des Architekten, der in Zürich und New York arbeitet und lebt. Aber auch ein Flughafen (Bilbao), Messehallen, ein Fernmeldeturm und Museen gehören zu seinem verwirklichten Repertoire. Die Formensprache Calatravas ist so eindeutig wie ein Fingerabdruck oder wie die Bauten von Friedensreich Hundertwasser. Seine Bauwerke finden sich in unzähligen Ländern dieser Erde, doch wohl am beeindruckensten ist die „Stadt der Künste und der Wissenschaften“, die er in Valencia errichtete.

Lüttichs neuer Bahnhof – auf Hochgeschwindigkeit ausgelegt

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Bahnhof Liège-Guillemins in Lüttich | ©: Bild von KarinKarin auf Pixabay

Die Planung des Liège-Guillemins begann im Jahr 1996, nachdem Calatrava eine internationale Ausschreibung für sich gewinnen konnte. Der neue Bahnhof ersetzte das alte, nicht mehr zeitgemäße sowie für Hochgeschwindigkeitszüge ungeeignete Gebäude. Im Jahr 2009, drei Jahre nach dem geplanten Fertigstellungstermin, wurde Liège-Guillemins eröffnet.

Schon von außen wirkt der Bahnhof wie eine riesige, frei schwebende Schale, die sich über die Gleise wölbt. Calatrava nutzte dazu unzählige, speziell geformte Träger aus Stahlbeton, die eine lichtdurchlässige Dachkonstruktion tragen. Eine Fassade im eigentlichen Sinne gibt es im Bahnhof Liège-Guillemins nicht. Das erlaubt immer wieder faszinierende Durchblicke auf die Stadt. Im Innern überraschen architektonische Details den Betrachter, die mitunter etwas von einer Kathedrale besitzen oder den Blick in eine perspektivische Unendlichkeit lenken. Das Licht der Sonne, aber auch künstliche Lichtquellen sind ein wichtiger Bestandteil dieses Bahnhofs, der zu jeder Tages- und Nachtzeit seine Faszination beweist.

Lüttich – die Stadt zum Bahnhof?

Unvoreingenommen betrachtet gab sich Calatrava nicht die geringste Mühe, auf die weitgehend historischen Bauten Lüttichs einzugehen. Die Diskrepanz zwischen den Jahrhunderten alten Häusern der Altstadt und dem neuen Bahnhof könnte nicht größer sein. Doch Lüttich, das einst das Zentrum und der Anfang der Kohle- und Stahlindustrie auf dem europäischen Kontinent war, befindet sich selbst im Wandel.

Die Stadt mit ihren rund 200.000 Einwohnern durchläuft wie die Städte des Ruhrgebiets eine Veränderungsphase, weg von der Montanindustrie hin zur Dienstleistung. Dabei müssen die Stadtplaner bewahrenswerte Historie und Modernität unter einen Hut bringen. Liège-Guillemins wirkt dabei wie ein Raumschiff, von dem aus die Veränderungen betrachtet werden können und bei so mancher Aussicht bildet der Bahnhof einen durchaus reizvollen Rahmen für das Bild des alten Lüttichs. Eine Stadt, die es übrigens genauso lohnt zu besuchen wie den Bahnhof.

März 2019



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